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Lebensgeschichten  |  02


Sie war zwei Jahre alt, als ihre Mutter sie das erste Mal zum Großvater brachte: sie schrie und es tat so weh, all das viele Blut. Das war das Ende einer Kindheit, mit nur zwei Jahren. Von diesem Zeitpunkt an geschah dieses Unfassbare jede Woche mit ihr, wie auch mit ihrer Zwillingsschwester und den anderen Geschwistern. Alle aus der Familie haben weggesehen, so als wüssten sie nichts.

Ihre eigene Mutter sagte zu ihr „Dafür habe ich dich schließlich bekommen, für was sonst. Jetzt bist Du dran, so wie ich früher.“ Wenn das Mädchen weinte, erhielt sie von ihrem Vater Schläge. Um das, was noch intakt war, in ihr zu retten, entwickelte sie eine zweite Persönlichkeit, zu einer abgespaltenen Anderen. Der eine Teil klebte an der Decke, wenn es geschah. So konnte sie sich ein bisschen schützen.

Der Großvater war Sadist, es ging ums nackte Überleben. Er drohte dem Kind, es umzubringen. Das ging so lange bis sie 7 Jahre alt war, dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und vertraute sich ihrer Lehrerin an, dass sie zuhause regelmäßig geschlagen und missbraucht würde. Diese informierte umgehend das Jugendamt, aber die Sachbearbeiterin glaubte dem Mädchen nicht, ihre Mutter sprach von einer lebhaften Phantasie.

Sie kam ins Heim, sie konsumierte alles, was sie bekommen konnte: Alkohol und Drogen. Der Schmerz, die Scham, die Schuldgefühle, dies alles war kaum auszuhalten. Sie war in mehreren Psychiatrien, sie hat viele Suizidversuche hinter sich, sie vegetierte auf der Straße als Jugendliche dahin.

Vieles weiß sie nicht mehr so ganz genau. Eines Tages stand sie am Abgrund am Meer: Sie wollte nicht mehr leben. Aber da war etwas, was sie dann doch davon abhielt, zu springen. Es war ihr Glaube an Gott. Sie versuchte ihr Leben zu ändern und kam nach Frankfurt. Sie absolvierte eine Lehre und fing an zu arbeiten. In einer Gemeinde traf sie ihren zukünftigen Partner. Dessen Mutter kümmerte sich liebevoll um sie: das erste Mal in ihrem Leben erfuhr sie die Zuneigung einer Frau, einer Mutter, sie vertraute ihr. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Er wollte keine Kinder, er wusste nicht, wie er sich um sie zu kümmern hatte. Sie erlebte trotzdem eine glückliche Zeit, als die beiden klein waren, aber dann tauchten unerwartet die Schatten der Vergangenheit auf. Die Partnerschaft verlief nicht mehr glücklich, sie fing wieder an zu trinken. Sein Erziehungsstil war militärisch, alle hatten zu funktionieren.

Die Schwiegermutter, ihre einzige Stütze in den Diskussionen mit ihrem Mann, verstarb nach langer Krebserkrankung. Ihre beiden gespaltenen Persönlichkeiten kamen wieder hoch, da sie der häuslichen Situation nicht Herr wurde. Sie entwickelten ein Eigenleben und waren nicht mehr kontrollierbar. Es folgte ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie. Ihr Mann hatte dafür kein Verständnis, es gab keine Kooperation, sie wurde frühzeitig entlassen, da die Versorgung der beiden im Schulalter befindlichen Kinder nicht länger von ihm gewährleistet werden konnte. Sie hatte Schwierigkeiten, das Haus zu verlassen, sie hatte Panikattacken, Schweißausbrüche, Zeitverluste, Erinnerungslücken, plötzliche Impulskontrollverluste. Manchmal konnte sie die Berührung ihrer Kinder nicht mehr ertragen. Die Ehe zerbrach, er hatte eine andere Partnerin gefunden.

Über das Jugendamt bekam sie den Kontakt der Starken Bande, ein weiterer Versuch. 3 ½ Jahre dauerte die aufsuchende Therapie. Es ging mal bergauf, mal bergab. Die Folgen dieser seriellen Traumatisierungen hatten auch Folgen für die beiden Kinder, die selber therapiebedürftig wurden. Die transgenerative Weitergabe, so wie die erneuten erlebten Traumatisierungen durch den Kindsvater, führten auch bei ihnen zu Trauma-Folgestörungen, die in der Pubertät offensichtlich wurden und zu stationären Aufenthalten, Medikation und erneuter Therapie führten.

Heute ist die Mutter „eine Person“. Sie hat es geschafft, zu einem “kohärenten Ich“ zu werden. Sie ist eine starke Mutter geworden, die auch in schwierigsten Zeiten zu ihren Kindern steht und handlungsfähig bleibt. Manchmal holt sie sich „therapeutischen Nachschlag“ bei der Stiftung Starke Bande. Das sieht das Konzept der Stiftung vor, denn aus der Forschung ist bekannt, dass schwer traumatisierte Menschen lebenslang immer mal wieder ein bis zwei Sitzungen benötigen.